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Das 6.Massensterben der Gegenwart

 

Alles Leben ist veränderlich, das ist das Gesetz der Evolution.
Darüber hinaus ist das Leben vergänglich,
das ist sein erstes eigenes Gesetz.
Was aber im Moment geschieht, mit vielen Tieren und Pflanzen,
ist etwas,
das in seiner Natur und Größenordnung den normalen Lauf
von Evolution und Leben überschreitet.

Rachel Carson gehörte zu denjenigen, die das früh erkannten.
Ihr letztes Buch, und zugleich dasjenige, mit dem man sie
immer in Verbindung bringen wird,
ist "Der stumme Frühling" (ISBN 9783406649080).

Es erschien 1962 und ist eines der einflussreichsten Werke
seiner Zeit über das menschliche Vermögen, das zu vernichten,
was wir zu lieben behaupten.
Was sie vorhersah, war eine Zeit, in der das Leben um uns herum
nicht länger hör-und sehbar sein würde,
einfach deswegen, weil es aus der sinnlichen Welt verschwunden ist,
weil es nicht mehr existiert.
Sie sah eine stumme Zeit vorher, Frühlinge ohne
Insektensummen oder Vogelgezwitscher, ohne Fische,
die in den Flüssen springen, oder Fledermäuse,
die nachts umherfliegen.
Sie sah die fortschreitende Ausrottung
großer Teile des Lebens voraus,
das wir um uns herum gewohnt sind,
und wusste auch, warum es passierte:

" Während der Mensch seinem offen verkündeten Ziel,
der Eroberung der Natur, zustrebt,
hat er niederdrückende Zeugnisse
eines Vernichtungswerks hinterlassen,
das sich nicht nur gegen die Erde richtet, die er bewohnt,
sondern auch gegen die Lebewesen, die sie mit ihm teilen."

Ein paar wenige Male ist es in der mehr als drei Milliarden Jahre
alten Erdgeschichte zu so großen und umwälzenden Veränderungen
gekommen, dass man von einer Art Metamorphose
des Planeten sprechen könnte
und dass sich die Zusammensetzung des Lebens auf der Erde
grundlegend verändert hat.
Fünfmal waren diese Veränderungen so fundamental,
dass Ihnen eine eigene Kategorie zugesprochen wurde.
Sie werden als die fünf großen Massenaussterben bezeichnet.

Das erste begann vor etwa 450 Millionen Jahren,
in der Endphase des Ordoviziums, wegen eines Temperaturabfalles,
vermutlich wegen der Kontinentalverschiebung.
Innerhalb eines Zeitraumes von etwa 10 Millionen Jahren,
starben von dem Leben, was sich vorzugsweise im Meer abspielte,
etwa 60-70% des weltweiten Lebens.

Das zweite Massenaussterben vor 364 Millionen Jahren,
geschah ebenfalls wegen eines massiven Temperaturabfalls,
damals starben 70% aller damaligen Arten.

Das dritte Massenaussterben war das fatalste.
Es ereignete sich vor etwa 250 Millionen Jahren,
an der Perm-Trias Grenze,
und kostete über 95% der Arten das Leben.
Der Grund ist umstritten, wahrscheinlich war es eine Kombination
verschiedener Ereignisse, die große
klimatische Veränderungen zur Folge hatten.

Das vierte Massenaussterben fand vor rund 200 Millionen Jahren
während einer langen Periode zwischen Trias und Jura statt.
Damals verschwanden 75% aller Arten.

Das fünfte Massenaussterben ist das uns bekannteste,
vor 65 Millionen Jahren schlug allem Anschein nach ein
riesiger Meteorit nahe der Halbinsel Yucatán ein,
der zumindest dazu beitrug, dass die Dinosaurier sowie
etwa 75% der damaligen Arten von der Erde verschwanden.

Der Artenbestand der Erde hat noch weitere, beinahe
ebenso umfassende Metamorphosen durchlaufen.
Arten sterben aus, Tiere und Pflanzen kommen und gehen,
aber die Zeitabschnitte, während derer dies geschieht,
sind normalerweise so lang und ausgedehnt, dass es
die natürliche Ordnung nicht stört.

Dennoch sind zahlreiche Wissenschaftler der Überzeugung,
dass das, was wir heute erleben, nicht mehr der normale
Lauf der Dinge ist, sondern Teil eines sechsten Massenaussterbens.

Die Wissenschaftlerin Elizabeth Kolbert, fasst in ihrem Buch
" Das sechste Sterben" von 2014 zusammen,
was wir bisher über das etwaige Massenaussterben wissen.

Bis zu einem Drittel der Korallentiere auf der Welt,
Ein Drittel der bekannten Haiarten,
ein Viertel der Säugetiere,
ein Fünftel der Reptilien und
ein Sechstel aller Vögel
sind Heute vom Aussterben bedroht.

Wo es bei den früheren Massenaussterben um Ereignisse ging,
die sich über Jahrmillionen Jahre hinzogen,
sprechen wir diesmal von Jahrhunderten.
Doch was das derzeitige Massenaussterben einzigartig macht,
ist, das es zum ersten Mal in der Erdgeschichte,
lebende Verursacher gibt.
Die Verursacher haben nicht nur die Erdoberfläche und
das Meer verändert, sondern auch die Atmosphäre.
Keine andere Art hat je auch nur annähernd so großen Einfluss
genommen wie sie, auf verschiedene Lebensformen, auf alles Leben.

Zitat von Elizabeth Kolbert,
" Derzeit waren und sind wir nicht nur Zeugen,
sondern auch Verursacher eines der seltensten Ereignisse
in der Geschichte des Lebens."

Eine schwieriger zu beobachtende Bedrohung,
die auf lange Sicht dennoch die gefährlichste sein könnte,
ist der Klimawandel.
Es ist eine unumstößliche Tatsache,
dass mit den klimatischen Veränderungen
auch eine Veränderung der Richtung und Stärke der
großen Meeresströmungen einhergeht, was allem Anschein nach
auch zu großen Problemen bei der
Migration z.B. der Aale führen dürfte.
Denn es bedeutet, dass der extrem komplizierte und empfindliche
Prozess der Migration und Fortpflanzung des Aals, der nachweislich
über Millionen von Jahren erfolgreich war, innerhalb
weniger Jahrzehnte plötzlich und grundlegend erschüttert worden ist.

Ist eine Welt ohne Aal vorstellbar?
Lässt sich ein Lebewesen, das
es seit mindestens 40 Millionen Jahren gibt,
das Eiszeiten überlebt und Kontinente auseinanderdriften sehen hat,
das, als der Mensch auf die Erde kam, schon seit
Millionen von Jahren auf ihn wartete und das im Lauf der Zeit
Gegenstand so vieler Traditionen, Rituale, Mythen und
Geschichten geworden ist, einfach so wegdenken?
Nein möchte man spontan sagen, so funktioniert die Vorstellung nicht.
Was es gibt, gibt es, und was es nicht gibt, ist in
gewissem Sinne undenkbar.
Sich eine Welt ohne Aale vorzustellen wäre,
wie sich eine Welt ohne Berge oder Meer, Luft oder Erde,
Fledermäuse oder Weiden vorzustellen.
Und gleichzeitig ist das Leben veränderlich,
wir alle werden uns irgendwann verwandeln.
Wahrscheinlich war es zu einer gewissen Zeit, zumindest
für einige wenige, ebenso schwer, sich eine Welt
ohne den Dodo oder ohne die Stellersche Seekuh vorzustellen.
So wie ich mir selbst einst die Welt ohne meine Großeltern
nicht vorstellen konnte.
Dennoch sind sie jetzt fort. Und die Welt ist immer noch.

aus dem Buch von Patrik Svensson " Das Evangelium der Aale" von 2020.


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